Weiße Blätter - Seite 3
 
alt
Auf die oben wiedergegebene Mitteilung des Prinzen Wilhelm vom 14. März 1841 hat Kaiserin Alexandra sich in ihrem Briefe vom 22. März zufolge im Sinne jener Pietät entschieden, die für die Kinder der Königin Luise bezeichnend ist: „Ich muß wohl auf den Arbeits- und Reisebeutel von Mama Verzicht tun. Es ist auch eigentlich ganz recht, daß er an der alten Stelle in Papas Zimmer bleibe!“

Demzufolge ist dieses Andenken an Königin Luise in Deutschland verblieben und nicht nach Rußland gekommen. Sein jetziger Aufbewahrungsort konnte allerdings nicht festgestellt werden. Im Charlottenburger Schloß, wo das Zimmer Friedrich Wilhelms III., wie erwähnt, anderen Zwecken zugeführt und daher nicht erhalten geblieben ist, befindet sich der Arbeitsbeutel nicht mehr. Alle Nachforschungen nach seinem Verbleib sind vergeblich gewesen.

Was nun die eingangs erwähnte Erzählung des Alten Kaisers an D. Kögel betrifft, so ist diese nach obigen Quellenmaterial in zwei Punkten richtigzustellen. Einmal ist die Farbe des „Arbeits- und Reisebeutels“ nicht grün gewesen, sondern blau, wie Königin Luise ihn selber nennt und wie die Kaiserin Alexandra ihn in Erinnerung hatte, oder auch „braun-blau“, wie Kaiser Wilhelm seine Farbe vier Tage, nachdem er ihn besichtigt hat, kennzeichnet. Ob die falsche Bezeichnung Kögels auf diesen oder auf einen Gedächtnisfehler des Kaisers zurückgeht, läßt sich kaum entscheiden, wahrscheinlicher ist das erste.

Die andere Richtigstellung ist bezüglich der Angabe vorzunehmen, der Beutel hätte die Briefe der Königin Luise und König Friedrich Wilhelms III. „bis in die Brautzeit“ enthalten. Zunächst könnte es der Natur der Sache nach sich allein um Briefe des Königs handeln - denn Luisens Briefe selbst bewahrte selbstverständlich der Empfänger derselben auf, der König. Insofern stimmt die Bezeichnung „Briefe meiner Eltern“ auf keinen Fall. Zum anderen aber steht fest, daß die Königin die Briefe des Verlobten und Gatten gleich wie dieser so gut wie lückenlos aufgehoben hat („sie und ich“, hat der König nochmals bezeugt, „haben von dem ersten Augenblick unserer Bekanntschaft an unsere Briefe auf das sorgfältigste aufbewahrt“): sie werden heute noch im Brandenburg-Preußischen Hausarchiv verwahrt und sind vor einigen Jahren in der schönen Ausgabe Karl Griewanks der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden. Lediglich aus der Zeit des Potsdamer Aufenthalts Friedrich Wilhelms des III. im Frühjahr 1804 und 1805 fehlen, wie aus Gegenbriefen Luises hervorgeht, ersichtlich Briefe Friedrich Wilhelms.
 
altSollte es sich nun bei den der Anekdote zufolge verbrannten Briefen um diese Briefe des Königs von 1804 und 1805 handeln? Der Brief Prinz Wilhelms vom 14. März 1841 erwähnt nichts von Briefen des Königs, wie doch wohl im zutreffenden Falle anzunehmen wäre. Darüber hinaus aber können wir auf Grund des hier mitgeteilten Materials die Frage restlos klären. Denn die letzte Gewißheit gibt der oben wiedergegebene Brief des Alten Kaisers vom 14. Februar 1841, in dem er erzählt, wie er im Nachlaß des Königs „alle Briefe von Mama gefunden, als Braut und bis zuletzt“. Diese Briefe Luises befanden sich nicht im Schloß Charlottenburg, wo der Arbeitsbeutel verwahrt wurde, sondern im Königspalais, wo Friedrich Wilhelm III. gestorben ist. Diese beiden Vorgänge, der Fund der Briefe im Königspalais und der des braun-blauen Arbeits- und Reisebeutels im Schloß Charlottenburg, die ja auch zeitlich dicht aufeinander gefolgt waren, werden sich im Gedächtnis des Alten Kaisers zusammengeschoben und zu den von Kögel überlieferten Angaben geführt haben.

Insgesamt bietet uns das hier ausgebreitete Material die willkommene Möglichkeit, einen historischen Hergang zu rekonstruieren, der ebenso reizvoll für die Geschichte der Königin Luise ist wie für die ihres großen Sohnes.
 
übertragen und bearbeitet von Fabian Fesser