Weiße Blätter - Seite 2

Vierzehn Tage nach diesem Zwischenbescheid, am 14. Februar, konnte Prinz Wilhelm seiner Schwester etwas mitteilen, was zwar nicht die von ihr geäußerte Bitte betraf, jedoch im Zusammenhang mit seiner späteren Erzählung an D. Kögel Beachtung verdient: „Unter den zuletzt von mir recherchierten Papieren Papas haben sich nun auch alle Briefe von Mama gefunden, als Braut und bis zuletzt. Ich habe einige von jeder Zeit gelesen und so ganz und gar und alles und jedes besonders in diesen Briefen, den Stil, Charakter, Genre etc. noch wiedergefunden, daß ich ordentlich frappiert und ergriffen davon war. Dieselbe Art zu schreiben, dieselben Gedanken, die Heiterkeit, der Ernst, alles gerade so, wie wie es unter uns vererbt sehen!!“
 
Wir werden auf diese Briefstelle zum Schluß noch einmal zurückkommen. altHier folgt zunächst der wichtige Brief, den Prinz Wilhelm einige Tage nach dem 10. März 1841, dem Geburtstag der Königin Luise, an seine Schwester geschrieben hat, als er die Gruft im Mausoleum zu Charlottenburg besucht hatte, in der nun seit dreiviertel Jahren neben der Mutter auch der königliche Vater ruhte. Der Brief lautet, soweit er sich auf unser Thema bezieht, wie folgt:
"Berlin, den 14. März 1841

Der schmerzliche 10. März hat uns zum erstenmal an der nun doppelt besetzten heiligen Stätte vereinigt! Die Gedanken der Abwesenden waren gewiß bei uns! Zum erstenmale war ich seit dem 12. Juni in der Gruft! Welche Gefühle mußten mich ergreifen! Hierbei ein Blatt von Mamas Sarge!
Gleich nach dem Schmerzensgang war ich in Papas Zimmer gegangen, um nach dem braun-blauen Arbeitsbeutel zu suchen, den Du zu haben wünschest. Ich fand ihn sogleich in dem Glasspinde liegen, ganz voller Gegenstände. Als ich ihn aufmachte, fiel mir zuerst ein zusammengelegtes Papier in die Hände; ich machte es auf und fand folgendes von Papas Hand geschrieben:
alt

    „Ich verlange, daß nach meinem Tode alle hierin befindlichen Briefe, ohne sie zu lesen, verbrannt werden sollen. Ich selbst kann mich hierzu nicht entschließen, da dieser Arbeitsbeutel mit allem was darin befindlich ist, von mir aus dem Sterbezimmer derjenigen, die mir das Liebste auf Erden war und die mein ganzes Glück ausmachte, mitgenommen worden ist, und Alles so darin bleiben soll, wie es war, zu ihrem ewigen Andenken.
23. Juli 1810                     F.W.“
 
Danach siehst Du, daß es unmöglich ist, daß Du den Sack mit den Gegenständen erhalten kannst, da es gewiss Papas Absicht war, daß er mit allen anderen im Spinde befindlichen Andenken vereint dort aufbewahrt werden soll. Doch läßt Dir Fritz sagen, da Du selbst noch darüber urteilen mögest und Dich erklären.
Ich brachte sogleich den Sack zu Fritz (1), wo er denn auch von Onkel Georg (2) und Tante Marianne (3) erkannt ward. Wie wehmütig alles war, begreifst Du, namentlich bei der Lesung dieser Zeilen! Nach Tisch suchte ich in Fritzens, Ellis (4) und Augustens (5) Beisein die Briefe raus und sie wurden sogleich verbrannt; nur die von Tante Marianne will Fritz ihr zurückgeben und ihr überlassen sie zu verbrennen, da sie für sie ein Geheimnis sind. Auch hatte am 23. Juli wohl Papa noch nicht alle Briefe durchgelesen, welche sich im Sack befanden, wohl wissend, daß sich welche darin befänden, die nicht auf die Nachkommenschaft kommen sollten. Denn Frau Berg (6), wie sie selbst an Tante Marianne erzählt hat, wusste auch um der gleichen Briefe und hatte sich deshalb einige Augenblicke nach Mamas Tod im Besitz des Sacks gesetzt, den ihr Papa, es bemerkend, sogleich still fortgenommen hat, damit sie nicht denselben behalten sollte Im Übrigen befinden sich lauter Dinge in demselben, die zur Toilette, Arbeit etc. gehören.“ 
 
An dieser Stelle sei erwähnt, daß der König Friedrich Wilhelm III. gleich nach dem Tode der Königin fast alle Familienbriefe vernichtet hat, wie wir aus einem Briefe des Prinzen Karl von Mecklenburg-Strelitz, Luises Bruder, an den den Erbprinzen Georg vom 12. August 1810 aus Berlin wissen (Mecklenb. Geh. und Hauptarchiv in Schwerin) „Der König geht morgen wieder nach Charlottenburg zurück, nachdem er hier die Papiere unseres Engels nachgesehen haben wird. Er läßt niemand, wer es auch sei, darüber, entsiegelt sie selbst und sieht alle und jede nach. Aber alle Briefe der Familie und näheren Bekannten verbrennt er ungelesen…“ Auf diese Weise ist leider wertvollstes Quellenmaterial zur Lebensgeschichte der Königin unwiderruflich verloren gegangen.
 

(1) König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen (1795-1861).
(2) Großherzog Georg von Mecklenburg-Strelitz (1779-1860), Bruder der Königin Luise.
(3) Prinzessin Wilhelm d. Ä. von Preußen, geb. Prinzessin Maria Anna (Marianne) von Hessen-Homburg (1785-1846), Schwägerin der Königin Luise und zweite Mutter ihrer Kinder.
(4) Königin Elizabeth von Preußen, geb. Prinzessin von Bayern (1801-1873), Gemahlin König Friedrich Wilhelms IV.
(5) Prinzessin, spätere Königin und Kaiserin Augusta, geb. Prinzessin von Sachsen-Weimar (1811-1890), Gemahlin Kaiser Wilhelms I.
(6) Karoline Friederike von Berg, geb. von Haeseler, Königin Luises vertraute Freundin und „Gewissensberaterin“.