Die Verehrung der Königin
 
Luise, Prinzessin zu Mecklenburg-Strelitz, geboren am 10. März 1776 in Hannover; verstorben am 19. Juli 1810 auf Schloss Hohenzieritz, dem Sommersitz ihres Vaters, war als Gemahlin König Friedrich Wilhelms III. Königin von Preußen. Ihre Zeitgenossen beschrieben sie als schön und anmutig, ihre ungezwungenen Umgangsformen wurden eher bürgerlich als aristokratisch wahrgenommen, was den Grundstein für die spätere Verehrung der Königin in bürgerlichen Kreisen legte. Durch ihren frühen Tod, blieb sie in der Vorstellung der nachfolgenden Generationen jung und schön und wurde zum Symbol für den Wiederaufstieg Preußens bis hin zum Deutschen Kaiserreich und darüber hinaus. So reicht die historische Bedeutung Luises weit über den Einfluss hinaus, den sie als Königin von Preußen tatsächlich hatte und haben konnte. 
 

Die Geschichte der Verehrung der Königin Luise ist ein Spiegelbild der Zeitläufte und ihrer sich ändernden Ideen und Vorstellungen. Waren es am Anfang neben ihrer Schönheit und Anmut vor allem die Demonstration von Einfachheit und Herzlichkeit, die als positive bürgerliche Tugenden vor dem Hintergrund der Französischen Revolution begriffen wurden, waren es später bürgerlich-konservative Wertvorstellungen in ihrer Anerkennung durch die adlige gesellschaftliche Führungsschicht.

Bedeutende Köpfe ihrer Zeit – Friedrich von Hardenberg (Novalis), Heinrich von Kleist, Jean Paul, oder August Wilhelm Schlegel alt– zählten zu den Bewunderern der Königin Luise. Vor allem Novalis' programmatische Aphorismensammlung "Glaube und Liebe oder der König und die Königin", die 1798 in der neuen, von Friedrich Schlegel gegründeten Monatszeitschrift "Jahrbücher der Preußischen Monarchie unter der Regierung von Friedrich Wilhelm III." erschien, setzte hier Maßstäbe. In den Prosa-Fragmenten der Schrift entwarf der Dichter das Bild einer Gesellschaft, in der Familie und Staat, Bürgertum und Monarchie, durch Glaube und Liebe miteinander verbunden sein sollten. Interessanterweise unterdrückte der König die weitere Verbreitung der Schrift, da er sich von ihren Ansprüchen überfordert sah.1) Umso mehr verbreitete sich die Verehrung der Königin. Der nationale Neuanfang nach 1806 brauchte ein Symbol für die angestrebte moralische Reform von oben. 

Der Historiker Carl Ludwig Rautenberg, veröffentlichte bereits 1837 eine Biographie der Königin mit dem Titel "Das Leben der Königin Luise von Preußen Luise Auguste Wilhelmine Amalie" in der er von Luises quasi-bürgerlicher Kindheit und Jugend, von Verlobung und Heirat, berichtet, wobei Luises natürliche Herzlichkeit zentrale Bedeutung einnahmen. Bereits in ihrer Kindheit in Darmstadt habe sie Bekanntschaft mit Armen und Leidenden gemacht, zur Vermählung in Berlin verzichtete sie auf die feierliche Beleuchtung, um die ersparte Summe für Witwen und Waisen zu spenden. "[Luise]fand im stillen Hause ihr wahres, schöneres und dauerndes Glück und gab dem preußischen Volke den Sinn für Bürgertugend und Familienleben", als Königin "fuhr [sie] fort, das einfache Leben der Häuslichkeit zu führen."2)

Dem idealisierten Bild der Königin Luise fehlten die Merkmale direkter politischer Wirksamkeit, obwohl es durchaus Zeugnisse gibt für ihre Anteilnahme an den Bestrebungen der preußischen Reformer – insbesondere für Hardenberg hatte sie sich eingesetzt – und dafür, dass sie den allzu oft unentschlossenen König zu wichtigen Entscheidungen zu veranlassen gesucht hatte. Luises Verbundenheit mit dem schweren Schicksal ihres Volkes wurde mit ihrer Natur als Frau in einen Zusammenhang gebracht, ihre Wirksamkeit,  vor allem darin gesehen, dem König ein glückliches häusliches und familiäres Umfeld beschert zu haben3).

alt

Diese Eigenschaften standen auch im Mittelpunkt verschiedener Institutionen, die sich auf die Königin beriefen. So wurde der Luisen-Orden Frauen dafür verliehen, dass sie "den Männern unserer tapferen Heere ... in pflegender Sorgfalt Labsal und Linderung" gebracht hatten.4) Neben  Mädchenschulen trug ein Stift Luises Namen, das seit 1807 für "verwahrloste und verlassene Knaben" sorgte (sie gab auf Bestreben der Gesellschaft der Humanitätsfreunde übrigens nicht nur ihren Namen für diese Institution her, sondern übernahm auch den Unterhalt  für vier Jungen). Am bekanntesten war wohl die an ihrem ersten Todestag, dem 19. Juli 1811, gegründete Luisen-Stiftung, eine "Anstalt zur Erziehung junger Mädchen", in der deutsche Erzieherinnen ausgebildet wurden, um Familien der Oberschicht eine deutsche Alternative zu den ubiquitären französischen Gouvernanten zur Verfügung zu stellen und die breite Anerkennung fand. Wilhelm von Humboldt unterstützte den Schulaufbau mit seinen Ideen und seinem Einfluss, Heinrich von Kleist empfahl sie seiner Cousine als Arbeitsplatz, und der legendäre General der Befreiungskriege, Neidhardt Gneisenau, schickte seine vier Töchter als Schülerinnen dorthin. Die Schule sollte eine "Anstalt sein, worin junge Mädchen, welche für das häusliche oder öffentliche Erziehungswesen sich zu bilden wünschen, Gelegenheit finden, die Geschäfte der Hausfrau und Lehrerin ausübend zu lernen".

altDiese Stiftung besteht als Privatschule heute noch5) und gilt als Vorläuferin des im 20. Jahrhundert gegründeten Luisenbundes. Auf Luises Namen berief sich auch eine Stiftung, die jährlich an ihrem Todestag armen, so genannten Luisenbräuten, einen Teil der oder die gesamte Aussteuer zahlte. 

In eingeschränktem Maße diente  Königin Luise auch in der Weimarer Republik noch als Identifikationsfigur, obwohl Institutionen, die sich ihres Namens bedienten, nicht mehr als staatstragend gelten konnten und auch nicht mehr von oben gefördert wurden. Hier war es Luises Standhaftigkeit in schwerer Zeit, die sich auf die Situation nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg übertragen ließ. Als Leitbild wurde sie insbesondere von kaisertreuen politischen Gruppierungen wie der Deutschnationalen Volkspartei und dem Königin-Luise-Bund in Anspruch genommen. Der Luisenbund (genau: "Bund Königin Luise"), gegründet 1923, wurde durch das Haus Hohenzollern unterstützt, sein Programm war, neben vaterländischen Zielen, ein Frauenbild nach dem Leitbild der Königin aufrecht zu erhalten und karitativ tätig zu sein. Bundesführerin von 1923 bis 1932 war Marie Netz, seit 1932 Freifrau von Hadeln, Schirmherrin des Bundes Kronprinzessin Cecilie, geborene zu Mecklenburg. Der Kinderkreis war die Kinderorganisation des Bundes Königin Luise. 1934 wurde er zusammen mit anderen monarchistischen Verbänden im Zuge der Gleichschaltung aufgelöst.

 

1) http://tinyurl.com/3xqg379http://www.koenigin-luise-stiftung.de/

2) http://www.fes.de/fulltext/historiker/00671006.htm

3) Ebenda.

4) Günter de Bruyn: "Preußens Luise. Vom Entstehen und Vergehen einer Legende", Berlin 2001, Seite 72.

5) http://tinyurl.com/3xy45c7