Der Mythos - Seite 10
Ob es nun der Mangel an Herrscherattributen war, der unstete Lebenswandel von Luises Schwester Friederike oder aber das neue, von der Französischen Revolution beeinflußte Bild von Weiblichkeit (die Statue zeigt die Prinzessinnen in schulterfreien, „griechischen" Gewändern, die im Gegensatz zur absolutistischen Kleidertracht weich, körpernah und wesentlich bewegungsfreundlicher erscheint) - Schadows Werk blieb 100 Jahre lang verborgen, wurde erst 1893 im Berliner Stadtschloß aufgestellt und als Meisterwerk des Frühklassizismus gewürdigt.
 
Schreitet man den Weg des Luisen-Mythos von seiner konservativen Ausprägung, die die Darstellungen der preußischen Königin bis in dieses Jahrhundert hinein beherrscht, zu seiner Entstehung Anfang des 19. Jahrhunderts zurück, so offenbart sich, dass der Mythos um die Königin Luise, der am Ende des 19. Jahrhunderts zum Inbegriff von Bemühungen um Bewahrung und Stabilisierung überkommener Herrschaftsstrukturen in Preußen-Deutschland wurde, um 1800 als Indikator für gesellschaftlichen Wandel und den Aufbruch des Bürgertums in die Moderne gelesen werden konnte. Dies soll abschließend anhand der epochenspezifischen Funktionalisierung des Mythos zusammenfassend erläutert werden.

 2. Die Funktionalisierung des Mythos

Die Ausbildung und Tradierung von Mythen geschieht nicht zufällig und unintendiert, sondern ist ein Vorgang, an dem die jeweilige mythenbildende Gesellschaftsschicht maßgeblich beteiligt ist, denn sie entscheidet darüber, was in welcher Form der Welt und Nachwelt überliefert werden soll - Mythen sind somit Funktionsträger gesellschaftlicher Wertvorstellungen. Betrachtet man die Stationen des Luisen-Mythos und die jeweilige Schwerpunktsetzung, die verschiedene Gesellschaftsschichten zu verschiedenen Zeiten innerhalb des Mythos vornahmen, so tritt die Funktionalisierung des mythisierten Lebens Luises sehr deutlich hervor.
 
Verbürgerlichung der Monarchie
 
In Biographien des 19. Jahrhunderts wie in literarischen und künstlerischen Darstellungen wird Luise von Preußen auffällig häufig mit Topoi der Bürgerlichkeit in Verbindung gebracht: Die Tochter eines einfachen Vaters mit vielen Kindern, die eine einfache, aber zutiefst religiöse Erziehung erfuhr, wird zum Gegenbild der heruntergekommenen absolutistischen Hofgesellschaft stilisiert, die der sittenlosen Welt des Hofes aufgrund ihrer weiblichen Tugend und der strengen sittlichen Führung ihres Gatten standhält. Gemäß bürgerlichem Ideal bevorzugt die Luise der bürgerlichen Biographien kein luxuriöses Schloß, sondern hält sich am liebsten auf dem Landgut Paretz in engem Kontakt zur dörflichen Bevölkerung auf.
 
Wiederholte Anspielungen auf Etiketteverstöße wie auf Luises Vorliebe für schlichte Kleidung konstituieren den Topos der Natürlichkeit und betonen den Vorrang innerer Werte vor äußerem Prunk, wie er für das protestantische Bürgertum konstitutiv ist.
 
Der Mythos von der preußischen Königin in bürgerlichen Wohnstätten und bürgerlichem Gewand, deren innere Werte ebenso wie ihr Schönheitsideal mit denen des Bürgertums übereinstimmen, vermochte in Zeiten des Umbruchs, wie sie durch die Französische Revolution eingeleitet wurden, integrierende Kraft auszuüben: Über Luise wurde die königliche Familie zur bürgerlichen Familie, deren Tugenden- und Wertekodex mit dem der Untertanen übereinstimmte. Eine Monarchie aber, die nach den Maßstäben des Bürgertums lebte und regierte, konnte dem Bürgertum kein Gegner im Kampf um die politische Macht sein - der Mythos der bürgerlichen Königin sicherte demnach die Kontinuität der Monarchie. Mehr noch, die Verbürgerlichung des monarchischen Lebensstils machte den Monarchen zu einem Funktionsträger der Monarchie, der sein Amt als Profession ausübte, deshalb kann man dem Mythos von der bürgerlichen Königin Luise eine politische Bedeutung bei der Durchsetzung und Legitimation der konstitutionellen Monarchie zuschreiben.