Der Mythos - Seite 9
Der Topos der bürgerlichen Königin findet sich nicht nur in der zeitgenössischen Historiographie - auch Literatur und bildende Kunst partizipierten gleichrangig am Konstrukt der bürgerlichen Monarchie. Motiviert durch die Thronbesteigung Friedrich Wilhelms III. und Luises im Jahr 1797 sowie durch die Kenntnis einer neuen Zeitschrift, der „Jahrbücher der preußischen Monarchie unter der Regierung von Friedrich Wilhelm III.", die Kabinettsordres, Anekdoten aus dem Leben des Königspaares sowie Huldigungen in Form von Aufsätzen und Gedichten beinhaltete, entschloss sich Novalis zur Niederschrift von „Glauben und Liebe", einem Fragment, das zur Grundlage romantischer Staatsauffassung wurde. [Novalis, Schriften Bd. 2: Das philosophische Werk, hg. von Richard Samuel, Stuttgart 1965, S. 475-498. Die folgenden Zitate sind diesem Fragment entnommen, dessen Entstehungsgeschichte Samuel in der Einleitung näher erläutert.] In diesem Fragment spricht Novalis davon, daß sich in seiner Zeit „Wunder der Transsubstantiation" ereigneten, der Hof verwandle sich in eine Familie, der Thron in ein Heiligtum, die königliche Vermählung in einen „ewigen Herzensbund". Die Begriffe Familie, Heiligtum und Herzensbund nun dienen der Mythisierung des Herrschaftsstils des jungen Königspaares; die Monarchie wird ihrer offiziellen Dimension enthoben und zur bürgerlichen Privatsphäre erklärt, ja verklärt. Diese Mythisierung trägt insofern politischen Charakter, als sie sich gegen die sittenlose Lebens- und Hofhaltung des Vorgängers Friedrich Wilhelms III. wendet und den Herrschaftsstil der bürgerlichen Königin als zukunftweisend deklariert. Novalis schlägt vor, das Bild der Königin als Auszeichnung für gute Taten zu verleihen, eine Vorwegnahme des späteren Luisenordens. Der Aufgabenkreis einer Königin, so Novalis, sei der häusliche: Kindererziehung, Hausaufsicht, Krankenpflege, Hausgestaltung und Festvorbereitung, allesamt Aufgaben, denen Luise nach Novalis ebenso entspricht wie seiner Forderung, dass die Königin als Ehefrau in Sitte und Kleidung ein Vorbild zu sein habe. Als Urbild aller bürgerlichen Frauen und Mütter verdiene Luise einen Platz in jedem Wohnzimmer, als Identifikationsobjekt könne sie die Rolle der Götter übernehmen. Auch der Hof solle ein Vorbild, eine „Insel der Sittlichkeit", werden, auf der die Frauen nach dem Idealbild der Königin heranreifen könnten.
 
Novalis erstrebte mit seiner programmatischen Schrift eine Identifizierung der preußischen Familie mit dem Staat in Form des Königtums. Diese Identifizierung ließ eine Revolution, wie sie sich in Frankreich ereignet hatte, überflüssig erscheinen: Der absolute König erhielt in seinen Schriften eine mit bürgerlichen Attributen versehene Frau und enthob sich somit der unmoralisch-absolutistischen Sphäre des Hofes. Friedrich Wilhelm III. jedoch lehnte die Fragmente des Novalis ab, nicht zuletzt deshalb, weil er die von Tropen gesättigte Sprache nicht verstand und ihm die Geistesgröße des Novalis verdächtig erschien; dieser plädierte u. a. für eine Monarchie, die auf „republikanischer Grundlage" basierte, der dritte Teil der Fragmente fiel deshalb der Zensur zum Opfer.
 
Neben Historiographie und Literatur hatte auch die darstellende Kunst des 19. Jahrhunderts nicht unerheblichen Anteil an der Ausbildung und Vermittlung des Luisen-Mythos, wovon man sich noch heute bei einem Besuch des Schlosses Charlottenburg, das dem Königspaar als Wohnsitz in Berlin diente, überzeugen kann, werden doch hier Statuen, Brustbilder, Kupferstiche, Büsten, Tassen u.ä. aufbewahrt, deren Entstehung und Gestalt sehr viel über Identität, Wertgebung und Intentionen der Künstler wie der Adressaten verrät.
 
Wohl am bekanntesten, weil am häufigsten abgebildet, ist die Schadowsche Prinzessinnengruppe, die die Kronprinzessin Luise und ihre Schwester Friederike von Preußen zeigt. Schadow präsentierte das Denkmal 1795 in Gips, 1797 in Marmor, die Berliner Porzellanmanufaktur fertigte 1796 eine ca. 50 cm hohe Nachbildung in Bisquitporzellan an. Schadows Werk fällt aus dem Rahmen gängiger Herrscherdarstellungen, vermittelt es doch mit der Umarmung zweier Frauen nichts als Jugend, Schönheit und Anmut; keinerlei Herrscherattribute tauchen auf. Freundschaft und Emotionalität sind die Attribute, mit denen man diese Denkmalsgruppe kennzeichnen kann, beides Begriffe, die in der Epoche der Empfindsamkeit und der Frühromantik eine große Rolle spielten und vom Bildungsbürgertum kultiviert wurden.