Der Mythos - Seite 8

Ebenso gegen alle Etikette verstoßen Spazierfahrten auf Leiterwagen statt auf der königlichen Staats-Equipage, Tänze unter Bauern auf dem Gut Paretz oder Verkehrungen der höfischen Rangordnung. Luise erscheint von ausgesuchter Bescheidenheit: „Niemals, wo es die Würde des Königthums nicht besonders erheischte, verwandte sie für sich mehr, als was auch bescheideneren Ansprüchen einer minder hohen Stellung schon genügt hätte." So verteidigt sie denn auch auf einem Ball eine Nichtadlige gegen den Spott des Adels mit dem Verweis auf „Herzensglück und Tugend", die mehr als alle Standeszugehörigkeit zählten. Die Darstellung beansprucht Luise als Repräsentantin positiv gezeichneter bürgerlicher Tugenden, die sich wohltuend vom moralisch daniederliegenden, in steifer Etikette verharrenden Adel abhebt. „Sie schienen wie schlichte Bürgersleute", heißt es zum Leben des Königspaares nach der Niederlage von 1806/07. Wie Rautenberg, so schreibt auch Hahn Luise kein Engagement im Krieg gegen Frankreich zu: Luise habe keinen freien Willen in politischen Entschlüssen, sie passe sich Friedrich Wilhelm III. an. Hahn zeichnet Luise jedoch patriotischer als Rautenberg, wenn er die Worte anführt, die sie nach der Schlacht von Jena und Auerstedt zu ihren Söhnen gesagt haben soll: „Vielleicht läßt Preußens Schutzgeist sich auf euch nieder. Befreit dann euer Volk von dem Vorwurf der Erniedrigung, unter dem es jetzt schmachtet! Fordert die Ehre dann von den Franzosen zurück [...]."

 
Auch Hahn erwähnt die Aufzeichnung des „Liedes vom Harfner", die Unterredung mit Napoleon und ihre Worte an den Vater, nach denen Preußen auf den Lorbeeren Friedrichs des Großen eingeschlafen sei. Luise verharrt in Passivität, jedoch im Glauben an eine sittliche Erneuerung: „Ich glaube fest an Gott, also auch an eine sittliche Weltordnung. Diese sehe ich in der Herrschaft der Gewalt nicht. Deshalb bin ich in der Hoffnung, daß auf die jetzige böse Zeit eine bessere folgen wird." So zitiert Hahn aus Luises politischem Glaubensbekenntnis von 1808.
 
Das Bild, das zeitgenössische Historiker wie Rautenberg und Hahn von Luise zeichnen, entspricht den bürgerlichen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts von der Frau: Milde, Nächstenliebe, Passivität, Leidensbereitschaft, Familiensinn, Mütterlichkeit, verallgemeinert auf die Untertanen, und die Akzeptanz ihrer vermeintlichen intellektuellen Beschränktheit kennzeichnen ein Frauenbild, wie es auch Novalis (s.u.) antizipierte und man es auch bei Friedrich Schiller, etwa in seinem Gedicht „Die Glocke", findet. Rautenberg projiziert in seine Biographie der Königin explizit bürgerliche Charakter- und Verhaltenszüge und hebt sie für seine Leserinnen und Leser als beispielhaft heraus. Luise lebt und handelt anders als ihre Vorgängerinnen im Amt der Königin, und dieses Anderssein erhält im Zuge der historischen Umbruchssituation positive Konnotation, es weist in eine bürgerliche Zukunft, in der König und Königin als Erste unter Gleichen keine Bedrohung der bürgerlichen Freiheit mehr darstellen.