Der Mythos - Seite 7
So wurden auch anlässlich des Besuches Luises zum Zweck ihrer Verewigung verschiedene Stätten nach ihr benannt, so erhielt ein Teil des Karlsberges den Namen „Luisenhain", die Kölnische Vorstadt in Berlin wurde 1802 „Luisenstadt" genannt, in Memel existierte seit einem Besuch Luises eine „Luisenstraße". Den 1806 zwischen Preußen und Frankreich ausgebrochenen Krieg, das betont Rautenberg, habe Luise weder gewünscht noch veranlasst: „Früh hatte sie die Schranken eingesehen, welche sowohl die Natur als die menschlichen Verfassungen ihrem Geschlecht angewiesen haben." Luises Passivität wird mit ihrer Weiblichkeit (Natur) und der Rolle der Frau innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft (menschliche Verfassungen) erklärt.
 
Bereits Rautenberg erwähnt das „Lied vom Harfner", das die „fromme Dulderin" Luise auf der Flucht in ihrem Tagebuch notiert. Ihre Fehleinschätzung der Unterredung mit Napoleon in Tilsit wird nicht auf mangelndes diplomatisches Geschick, sondern Luises guten Charakter zurückgeführt: „Allein die Königin hatte durch die Erhabenheit und Reinheit ihres Charakters das Recht zu glauben, dass ihr Anblick allein ihren Feind beschämen würde und ihm das Gefühl geben müsse, wie sehr er sie verkannt habe." Auch nach dem Frieden von Tilsit blieb Luise nach Rautenberg die „fromme Dulderin", die auf den „Gang der Weltgeschichte" und die „Zeit zum Reifen" verwies. Sie beurteilte Frankreich nicht nach politisch-militärischen, sondern moralischen Kategorien, indem sie erkannte, „daß Frankreich, es möge eine Regierung haben, welche es wolle, in seinem Verhältnis gegen Deutschland sich nie zu dem Begriff von deutscher Treue und deutschem Glauben emporschwingen wird." So wird auch bei Rautenberg nicht Luises politisches, sondern ihr karitatives Engagement, ihr Mitleiden mit dem Volk hervorgehoben: Die Gründung der Luisenstiftung für die Unterbringung von Kindern, die im Krieg von ihren alleinstehenden Müttern verlassen wurden, findet ebenso Erwähnung wie Luises vermeintlicher Kummer um die Not ihres Landes. Wegen der Abzahlung der Kontributionen nämlich „durchweinte [Luise] manche Nacht, während der Landmann ruhig in seiner Hütte schlief." Luises Krankheit erscheint denn auch weniger physisch bedingt denn als unheilbarer Seelenschmerz der aufopferungsvollen Landesmutter.
 
Dass diese ihre letzten niedergeschriebenen Worte auf Französisch verfasste, muss von Rautenberg entschuldigt werden: „Dem deutschen Sinne widerstrebt es, daß die edle Frau und Fürstin ihre heiligsten Gefühle in einer fremden, und nicht in der kräftigen tiefgemüthlichen Sprache ihres Volkes niederschrieb. Doch der alte jetzt allmählich verschwindende Wahn hatte auch noch auf ihre Jugend gewirkt, und die lange Gewohnheit der Jugend beherrschte sie noch im reifen Alter." Abschließend unterstellt Rautenberg der verstorbenen Luise eine emphatische Haltung über die Gegenwart: „In welcher Glorie der Freude, des Triumphes würde Luise jetzt auftreten, jetzt, wo Preußen ein Palladium der Deutschen geworden ist!"
 
Zwanzig Jahre nach Rautenberg veröffentlichte Werner Hahn sein Werk „Friedrich Wilhelm III. und Luise. König und Königin von Preußen" [Werner Hahn, Friedrich Wilhelm III. und Luise. König und Königin von Preußen, 2. Aufl., Berlin 1860. Die folgenden Zitate sind diesem Werk entnommen.], eine Sammlung von zeitgenössischen Anekdoten um das Königspaar, die die einzelnen Stationen des Luisen-Mythos deutlich hervortreten läßt: Die einleitende Schilderung des Aussehens und Charakters Luises projiziert ihr späteres Schicksal in ihre Jugend, wodurch Luises Leben innere Geschlossenheit erhält: „Die Prinzessin Luise war jung und schön. Ihr Wuchs war hoch und stattlich, ihr Haar blond, ihr Wesen fein und zart. [...] Mit Heiterkeit umfaßte sie das Leben, in bescheidener Hoffnung blickte sie der Zukunft ihres Schicksales entgegen." Dass Goethe Luise und ihre Schwester Friederike im Hauptquartier der preußischen Armee in Bodenheim als „himmlische Gestalten" bezeichnete, wird ebenso angeführt wie der beim Einzug in Berlin im Dezember 1793 begangene, positiv bewertete Etiketteverstoß durch das Küssen eines kleinen Mädchens - für Hahn Indikatoren für die Verbürgerlichung der Monarchie: „Man hatte im Kuß der künftigen Königin auf den Mund eines unschuldigen Bürgermädchens das menschliche Herz, die natürlich schöne Empfindung, den vorurtheilsfreien Sinn erkannt."
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