Der Mythos - Seite 6
Was sich in diesen bildlichen Darstellungen andeutet, nämlich die Verknüpfung der Geschichte Luises mit der Marias, manifestiert sich noch deutlicher in der Totenmaske der Königin und den von dieser Maske inspirierten Gemälden. Erinnern schon der Faltenwurf der Kopfbedeckung Luises wie auch die geschlossenen Augen der Totenmaske an Madonnendarstellungen, so wird die Ähnlichkeit noch deutlicher, wenn man das Ölgemälde Schadows von „Königin Luise auf dem Totenbett" betrachtet: Der Kopf Luises neigt sich mütterlich nach unten, und die Kopfbedeckung lässt, wie bei einer Nonnentracht, nur noch einen kleinen Teil des Gesichts erkennen, in andächtiger Pose kreuzt die derart verklärte Luise ihre Hände über der Brust.
 
Die Verknüpfung des Luisen-Mythos mit Elementen, die für die darstellende Marienverehrung des Katholizismus typisch sind, füllt eine der Leerstellen des Protestantismus, das Fehlen einer weiblichen Anbetungsfigur, wirksam auf - Luise wird zum Symbol für höchste Werte, nämlich dem Irdischen entrückte Schönheit, Frömmigkeit, Reinheit und Opferbereitschaft, und an der Vermittlung dieser Werte war die bildende Kunst des 19. Jahrhunderts maßgeblich beteiligt. Luise als preußische Madonna wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts zur Integrationsfigur für das neue kleindeutsche Reich, dessen rasante wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung die verfassungspolitische Grundkonstellation tendenziell bedrohte - die konservative Funktionalisierung des Luisen-Mythos sollte den sozialen Wandel eindämmen und kanalisieren. Damit wird dem Mythos, wie nun gezeigt werden soll, am Ende des 19. Jahrhunderts eine völlig entgegengesetzte Funktion zugewiesen als zu Beginn.
 
Der Historiker und Zeitgenosse Königin Luises, Carl Ludwig Rautenberg, veröffentlichte bereits 1837 eine Biographie der Königin mit dem Titel „Das Leben der Königin Luise von Preußen Luise Auguste Wilhelmine Amalie". [Carl Rautenberg, Das Leben der Königin von Preußen Luise Auguste Wilhelmine Amalie, Leer 1977 (ND v. 1837). Die folgenden Zitate sind diesem Werk entnommen.]
 
Rautenberg erzählt von Luises quasi-bürgerlicher Kindheit und Jugend, von Verlobung und Heirat, nicht ohne schon hier Luises Großherzigkeit zu unterstreichen. Bereits in ihrer Kindheit in Darmstadt, so heißt es, habe sie Bekanntschaft mit Armen und Leidenden gemacht, zur Vermählung in Berlin verzichtete sie auf die feierliche Beleuchtung, um die ersparte Summe für Witwen und Waisen zu spenden. An Luise als Kronprinzessin wie als Königin erscheint Rautenberg besonders ihre Bürgerlichkeit betonenswert: „[Luise]fand im stillen Hause ihr wahres, schöneres und dauerndes Glück und gab dem preußischen Volke den Sinn für Bürgertugend und Familienleben", als Königin „fuhr [sie]fort, das einfache Leben der Häuslichkeit zu führen." Mythisierend mutet die Beschreibung an, die Rautenberg von der auf der Huldigungsreise befindlichen Königin gibt, hier ließ ihre „königliche Gestalt und Schönheit, ihre gottergebene Güte, ihr an irdische Verklärung grenzendes Wohlwollen Erinnerungen zurück, welche von Geschlecht zu Geschlecht weiter verkündet werden." Die Gestalt Luises, das impliziert dieser Ausspruch, trug schon zu Lebzeiten Züge des Himmlischen und hinterließ einen auf alle nachfolgenden Generationen wirkenden Eindruck.