Der Mythos - Seite 5
Neben Enzyklopädien und Lexika war vor allem die Schule daran beteiligt, das Wissen über Luise zu verbreiten und zu tradieren - damit wirkte sie entscheidend an der ständigen Reproduktion des Mythos und seiner Funktionalisierung mit. Vor allem auf dem Gebiet des niederen Schulwesens findet sich schon früh der Nachweis für ein zweckgerichtetes Anknüpfen an den Luisen-Mythos. Bereits 1832 finden sich im „Handbuch für Schüler in Land- und Stadtschulen zum Gebrauch beim Rechnen" Übungsbeispiele zur Zeitberechnung, die Daten aus Luises Leben (Geburt, Heirat mit dem Landesvater, Tod) als Grundlage mathematischer Übungen verwenden. [D. T. Kopf, Handbuch für Schüler in Stadt- und Landschulen zum Gebrauch beim Rechnen, Berlin 1832 .] Ausgehend von einem didaktischen Konzept, das Realien aus dem Unterricht verbannte, den Stoff auf das Notwendigste konzentrierte und den Religions- und Vaterlandsunterricht in den Mittelpunkt stellte, fand Luise Eingang in Sprach-, Literatur- und „vaterländischen" Unterricht, ebenso in Geographie und Geschichte. So werden in den „Drei Preußischen Regulativen vom 1., 2. und 3. October 1854", auf dem Höhepunkt der Reaktionsperiode, eine Hervorhebung vaterländischer Gedenk- und Erinnerungstage und die Behandlung patriotischer Poesie im Unterricht gefordert, Kenntnisse aus der Geschichte sollen dadurch vermittelt werden, dass die Schüler „kurze, großentheils anekdotenmäßige Geschichten von Luther, Friedrich dem Großen, seinen Generalen und Soldaten, Friedrich Wilhelm III. und der Königin Luise, den Befreiungskriegen und Friedrich Wilhelm IV. kennen und erzählen lernen." [Ferdinand Stiehl, Aktenstücke zur Geschichte und zum Verständnis der drei Preußischen Regulativen vom 1., 2. und 3. October 1854, Berlin 1855, S. 78-79.] Die Lehrer, so schreibt die Regulative weiter vor, sollen sich auch in privater Lektüre mit Erzählungen und Biographien bestimmter Schriftsteller beschäftigen, die zu den Biographen Luises zählen; Luise wurde zur Pflichtlektüre der Lehrenden wie der Lernenden.
 
Die vaterländischen Gedenk- und Erinnerungstage boten eine weitere Gelegenheit der schulischen Aufwärmung des Luisen-Mythos. So bestimmte die Schul-Administration anlässlich des 100. Geburtstags der Königin, „daß am 10. d. M. in allen öffentlichen und Privat-Mädchenschulen der Unterricht ausfallen und an dessen Stelle eine Feier treten soll, in welcher der Geschichtslehrer oder der Dirigent der Anstalt den Schülerinnen in freiem Vortrage das Lebensbild der erlauchten Frau vorführt, welche in den Zeiten des tiefsten Leidens so opferfreudig an der Erhebung des Volkes mitgearbeitet und allen kommenden Geschlechtern ein hohes Beispiel gegeben hat." Besonders fleißige Schülerinnen sollte mit Lebensbildern der Königin Luise und anderen Schriften der Befreiungskriege belohnt werden. [K. Schneider/E. V.Bremen, Das Volksschulwesen im preußischen Staate in systematischer Zusammenstellung der auf seine innere Einrichtung und seine Rechtsverhältnisse, sowie auf seine Leistung und Beaufsichtigung bezügl. Gesetze und Verordnungen, Erster Band, Berlin 1886, S. 476.]
 
Der Luisen-Mythos erweist sich in Schulbüchern, Instruktionen, Regulativen und Gedenktagen als im Höchstmaß institutionalisiert; die betrachteten Quellen zeugen vom großen Interesse des preußischen Staats wie des neuen Deutschen Reiches an der Aufrechterhaltung des Bildes von der patriotisch gesinnten, aufopferungsvollen Königin, das eine integrierende und einheitsstiftende Funktion besaß. Die didaktische Vermittlung dieses Bildes der Königin rettete den Mythos in institutionalisierter Bahn in die nächste Generation hinüber und trug zur Langlebigkeit bestimmter „Wissens"ausschnitte über die preußische Geschichte wesentlich bei.
 
Wie die Historiographen bieten auch die Lexika, Enzyklopädien und Schulbücher des 19. Jahrhunderts und frühen 20. Jahrhunderts keine objektive Darstellung des Lebens der preußischen Königin, sie überliefern vielmehr kanonisierte Texte eines mythisierten Lebens, denen qua Medium die Aura der Authentizität zukommt. Kennzeichnend für diese Texte ist die Entindividualisierung Luises, die mit einer apotheotischen Erhöhung einhergeht. In der bildenden Kunst finden sich zahlreiche Beispiele für diese Entwicklung: Auffällig häufig gehen hier Attribute, die in Lebenszeitdarstellungen für Luise charakteristisch waren, wie etwa Schals und Halstücher, auf Kosten allgemeiner Attribute, die einen traditionell katholischen Heiligen- und Devotionalienkult kennzeichnen, verloren. Bilder tauchen auf, in denen dem Sohn Friedrich Wilhelms III., Prinz Karl, seine Mutter Luise im Traum - umrahmt von Engeln - in einer Wolke erscheint, andere Gemälde und Kupferstiche haben die „Verklärung der Königin Luise", die von Engeln umrahmte Himmelfahrt der heiligenscheinbekränzten Königin, zum Thema.