Der Mythos - Seite 4
 
1876 hielt Heinrich von Treitschke anlässlich des 100. Geburtstags Luises in Berlin eine Rede [Heinrich von Treitschke, Königin Luise. Vortrag, gehalten am 10. 3. 1876 im Kaisersaale des Berliner Rathauses. In: Ders., Historische und politische Aufsätze. Bd. 4: Biograph. u. histor. Abhandlungen, Leipzig 1897, S. 310-324. Die folgenden Zitate sind diesem Aufsatz entnommen .], die aufschlussreich ist für das Bild Luises, das das späte 19. wie auch das 20. Jahrhundert von ihr zeichnet, ein Bild, das uns sicherlich am vertrautesten ist. Luise, so Treitschke, lebe in der Erinnerung der Nachgeborenen fort wie eine „Lichtgestalt", sie „schwebte" in den Befreiungskriegen engelgleich voran. An der Wiedergabe ihres Lebens, wie es volkstümlich überliefert ist, scheint Treitschke zu scheitern; er lobt die historische Wissenschaft, weil nur sie es erlaube, die Begrenztheit auch edler Menschen, die Bedingungen ihres Tuns und den Entwicklungsprozeß ihres Daseins zu erkennen. Luise nun sei in ihrer Passivität ein Idealbild der preußischen Frau: „Es ist der Prüfstein ihrer Frauenhoheit, daß sich so wenig sagen läßt von ihren Thaten." Wer nun aber glaubt, Treitschke zeichne ein authentisches Bild von Luise, ihre menschlichen Grenzen und die Bedingungen und Entwicklung ihres Lebens beachtend, der irrt. Eben weil sich so wenig sagen lässt von ihren Taten, weil die wenigen Dokumente, die Luise hinterließ, nur ein „mattes Bild ihres Wesens" abgeben, das Geheimnis jedoch bei Luise in ihrer Persönlichkeit liege, muss Treitschke zurückgreifen auf den „Widerschein", den sie bei ihren Zeitgenossen hervorrief. Diesen Widerschein, den sich verfestigenden Mythos der Königin Luise, rezitiert Treitschke im Anschluss: Vom Besuch bei Goethes Mutter über den Einzug am lasterhaften Hof, ihre Rolle als Gattin und Mutter, ihr Schicksal auf der Flucht, ihre Unterredung mit Napoleon bis hin zu ihrem frühen Tod lässt Treitschke keine Station des mythisierten Lebens der Königin aus. Der Geschichtswissenschaft schreibt Treitschke vollends die Rolle eines Mythenüberlieferers zu, wenn er ihr abschließend die Aufgabe zuweist, zu zeigen, „dass der Eltern Segen den Kindern Häuser baut", indem sie das Fortwirken des Vergangenen in die Gegenwart zeigt. Auch Treitschke betont den volksnahen Zug der Persönlichkeit Luises. Mit ihr entstand nach seinen Worten zwischen Königshaus und Volk ein „menschliche[s] Verhältnis, das die Leidenschaften der Parteien nie zerstören konnten". 1876, fünf Jahre nach der Reichsgründung, bindet Treitschke den Luisen-Mythos an den Gründungsmythos an, wenn er von der Stärkung Wilhelms I. am Grab seiner Mutter und seinem anschließenden Sieg über Frankreich spricht.
 
Wenn Treitschke auch das Verdienst zukommt, den Entwicklungscharakter von Luises Leben darzustellen und seine Ausführungen mit Quellen zu belegen, so reproduziert er doch Luises Leben entlang eines sich allmählich verfestigenden Kanons. Von der hohen Warte der Historiographie aus wird das bestätigt, was Lexika und Schulbücher als wirksame Träger des Luisen-Mythos über die preußische Königin verbreiten. Mit dem Anspruch der Lexika und Enzyklopädien des 19. Jahrhunderts, Wissen an breite Bevölkerungsteile zu vermitteln, ging die Popularisierung des Luisen-Mythos einher, denn nicht die Vermittlung objektiven Wissens - die eigentliche Aufgabe von Lexika und Enzyklopädien -, sondern die Präsentation des kanonisierten Wissens von Luise steht im Vordergrund unzähliger Artikel. So unterbreitet ein „Conversationslexicon" von 1834 der Leserschaft bereits den Topos von der frühvollendeten, verklärten Luise: „Früh schon war sie gewöhnt, alles Sichtbare, Irdische, an ein Unsichtbares, Höheres, und das Endliche an das Unendliche zu knüpfen." Luise wird als „Muster aller echten Frauen" und „Landesmutter aller Preußen" [Neues Rheinisches Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände, 3. Original-Aufl., Köln 1834, Bd. 7, S. 108.] bezeichnet, der Mythos der vorbildhaften Gattin, Königin und Mutter wird lexikalisch fixiert. Zwei Jahre später bezeichnet das „Damen Conversations Lexikon" Luise als „Engel des Friedens und der Milde", als „Mutter aller ihrer Unterthanen" und „glänzendes Beispiel" für die Kämpfer der Befreiungskriege. [Damen Conversations Lexicon. Hg. im Verein mit Gelehrten u. Schriftstellerinnen v. C. Herloßsohn, Bd. 6, Adorf 1836; dass. (Teildr.): Neu vorgest. u. m. e. Nachrede vers. v. Peter Kaeding, Berlin/DDR 1987, S. 146-152]