Der Mythos - Seite 3
 
Wichtig für den Mythos um Luise wurde weiterhin ein Brief Luises an den Vater aus dem Jahr 1808, in dem sie davon spricht, daß Preußen auf den Lorbeeren Friedrichs des Großen eingeschlafen sei [Diesen Brief findet man bezeichnenderweise nicht in der Briefsammlung Paul Bailleus von 1900, der die schriftliche Korrespondenz von König Friedrich Wilhelm III. und Luise überliefert, sondern auszugsweise in der Zitatsammlung von Georg Büchmann, Geflügelte Worte. Der Zitatenschatz des deutschen Volkes, 31. Aufl., durchges. v. Alfred Grunow, Berlin 1964, S. 679.]; Luise wurde nach 1808 für Preußen mehr und mehr zum Sinnbild des Erwachens aus diesem Schlaf. Bereits in diesen Jahren wurde sie durch bildende Kunst und Dichtung religiös verklärt, eine Tendenz, die sich durch ihren frühen Tod im Jahr 1810 verstärkte und dazu führte, daß die bürgerlichen, „modernen" Züge des Luisen-Mythos nach und nach durch religiöse, apolitische, schließlich konservativ zu bezeichnende Wertvorstellungen überlagert wurden.
 
Neben Literatur, Kunst und Musik als Konservatoren der lebenden Luise entstanden nach ihrem Tod verschiedene „Institutionalisierungsformen" des Mythos, so 1811 die „Königin-Luise-Stiftung", die preußische Erzieherinnen nach dem Vorbild der Königin heranbilden sollte, am 10.3.1813 - Luises Geburtstag - das „Eiserne Kreuz" als Ansporn des Heeres durch die „preußische Jeanne d’Arc", und 1814 schließlich die Stiftung des Luisenordens, der „für glänzende Beweise der Vaterlandsliebe und Menschenfreundlichkeit" [Artikel „Luisenorden", in: Meyers Großes Konversations-Lexikon, Bd. 12, 6. Aufl., Leipzig und Wien 1906, S. 836.] an Frauen verliehen wurde, die im Dienst des Krieges tätig waren.
 
Die Wirkung Luises ging jedoch über altihre Identifikationskraft in den Befreiungskriegen hinaus: Die Tatsache, dass Wilhelm I. vor seinem Krieg gegen Napoleon III. am 19.7.1870 am Sarg seiner Mutter kniete und den Neffen Napoleons I. im Anschluss daran besiegte, bevor er ein Jahr später deutscher Kaiser wurde, brachte den Luisen-Mythos wirkungsvoll und ohne Bruch mit dem Reichsgründungsmythos in Verbindung, womit sich einmal mehr die Funktionalisierungsfähigkeit wie auch die ahistorische Perspektive des Mythos offenbart, denn die preußisch-konservative Geschichtsschreibung vermochte sich des Luisen-Mythos Ende des 19. Jahrhunderts ebenso zu bedienen wie die liberalen Historiker Anfang des 19. Jahrhunderts, deren politische Zielsetzung, die Errichtung einer konstitutionellen Monarchie, sich in ihren Bildern von der bürgerlichen Königin widerspiegelt.

 
Preußische Madonna oder bürgerliche Monarchin?
Der Mythos als Indikator gesellschaftlichen Wandels
 
Historiographische Darstellungen, literarische Texte, Denkmäler, Bilder und Rituale stellen Elemente der objektivierten Kultur einer Gesellschaft dar. In ihnen ist nicht die Vergangenheit als solche aufbewahrt, sondern nur das, was bestimmte Gesellschaften bestimmter Epochen für bewahrens- und tradierenswert hielten. Das heißt auch, dass das Bild, das unsere Vorstellungen von der preußischen Königin Luise dominiert, nicht das Bild ist, das Zeitgenossen von ihr zeichneten. An dieser Stelle soll deshalb der Weg des Luisen-Mythos von seiner konservativen Ausprägung, die er Ende des 19. Jahrhunderts enthielt und die bis in die Mitte dieses Jahrhunderts das Bild der preußischen Königin bestimmte, bis zu seiner Entstehung zu Beginn des 19. Jahrhunderts unter der Leitfrage zurückverfolgt werden, ob und in welcher Form an den Elementen des Mythos gesellschaftlicher Wandel ablesbar ist.