Der Mythos - Seite 13
 3. Schlußbemerkung
 
„Geschichte im Spiegel des Mythos" - so lautet der Untertitel dieses Aufsatzes. Was nun hat der Blick in den Spiegel gezeigt? Bereits zu Lebzeiten Luises begannen bestimmte Ereignisse und Elemente ihres Lebens in den Augen ihrer bürgerlichen Zeitgenossen eine über die Ebene der Realität hinausgehende mythische Konnotation anzunehmen. Neben der Historiographie trugen vor allem Literatur und bildende Kunst zur Mythisierung Luises bei, die als das jeweils höchste Ideal bürgerlicher und damit positiv konnotierter Eigenschaften gefeiert wird: Schönheit, Anmut, Natürlichkeit, Mütterlichkeit, Aufopferungsfähigkeit, Frömmigkeit und andere für bürgerliche Frauen des 19. Jahrhunderts erstrebenswerte Charaktereigenschaften wurden der Leserschaft exemplarisch vor Augen geführt.
 
Mit der Anzahl der Quellen und dem Fortschreiten der Zeit verfestigte sich ein Bild von Luise, das aufgrund seiner überindividuellen Züge leicht handhabbar war. Dadurch, daß parallel zur Geschichtsschreibung auch andere Lebens- und Wissensbereiche, etwa Schulen und Enzyklopädien, vom Luisen-Mythos erfaßt wurden, nahm Luises Leben den Charakter einer weitverbreiteten Legende an.
 
Gestalt, Schwerpunktsetzung und Überlieferung des Luisen-Mythos zeugen von einer Funktionalisierung seitens gesellschaftlicher Gruppierungen, die im Mythos ihr gesellschaftliches, politisches und kulturelles Selbstverständnis präsentierten.
 
Erzählungen und Gedichte über die Königin stellten ebenso wie ihre Darstellung in der bildenden Kunst einen festen Bestandteil des bürgerlichen Diskurses über die Monarchie um 1800 dar: Die bildungsbürgerlichen Intellektuellen in Deutschland beobachteten die Ereignisse im revolutionären Nachbarland Frankreich und sympathisierten anfangs durchaus mit den revolutionären Forderungen. Mit der Radikalisierung der Ereignisse jenseits des Rheins schwand diese Zustimmung jedoch mehrheitlich - der große Terror markierte für viele einen nahezu traumatischen Wendepunkt; in zahlreichen zeitgenössischen wissenschaftlichen und literarischen Abhandlungen bekundete man die Ablehnung von Gewalt zum Zweck der Durchsetzung revolutionärer Prinzipien. Favorisiert wurden hingegen allmähliche, friedliche, in geordneten Bahnen verlaufende Reformen. In diesem Kontext kam dem Mythos von der bürgerlichen Königin Luise politische Bedeutung zu, denn durch ihn fand eine Verknüpfung des Konzepts der bürgerlichen Familie mit dem der Monarchie statt, die eine zweifache Funktion hatte: Lebensstil und Werthaltung des Bürgertums wurden „von oben" legitimiert, und die preußische Monarchie konnte als konstitutionelle Monarchie weiterleben bzw. nach 1813 neu erstehen. Im Luisen-Mythos kristallisierte sich der bildungsbürgerliche Glauben an eine Verhinderung von Revolutionen durch zeitgemäße Reformen. Der Luisen-Mythos, das gilt es zu betonen, war in seiner Entstehungsphase um 1800 mit gesellschaftlichem Fortschritt und Wandel auf nichtrevolutionärem Weg konnotiert. Erst im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde der Diskurs um die preußische Königin vielschichtiger und zuerst mit nationalen, dann politisch konservativen Werten verknüpft:
 
Sieg und Aufstieg Preußens erforderten Opfer, und Luise wurde in der Historiographie und Kunst der Befreiungskriege zum Inbegriff des Opfers: Stellvertretend wurde ihr schon zu Lebzeiten der emotionale Teil der Kriegserfahrungen übertragen, an ihr exemplifizierten Historisten und Literaten die preußische Demütigung und Kränkung durch Napoleon. Mit Luises Tod wurde das geistige zum physischen Opfer, Luise erscheint als Märtyrerin, die im Glauben an Preußen ihr Leben hingibt. Nationale Sammlung und kriegerische Rache erhofften sich die Dichter der Befreiungskriege, wenn sie Luise als preußische Jeanne d’Arc in den Dienst der nationalen Propaganda stellten.
 
Zitathaft verkürzt tauchten Elemente des mythisierten Lebens Luises schließlich am Ausgang des 19. Jahrhunderts in der Historiographie der Reichsgründung auf. Das neue kleindeutsche Kaiserreich zog seine Legitimation nicht allein aus den kriegerischen Erfolgen und wirtschaftlichen Errungenschaften der Gegenwart, sondern griff, da es keine eigene historische Tradition besaß, zu einem guten Teil auf Mythen des kollektiven Gedächtnisses zurück. Luise von Preußen steht dabei in einer Reihe mit dem mittelalterlichen Stauferkaiser Barbarossa als legendäre Gründerin des neuen Kaiserreichs, und in der Verknüpfung verschiedener mythenträchtiger Elemente aus verschiedenen Jahrhunderten zeigt sich erneut, daß verbreitete Auffassungen von Zeitlichkeit und Logik vor der Bildung und Tradierung von Mythen versagen.
 
Der Luisen-Mythos, so wie er vom 19. ins 20. Jahrhundert überliefert wurde, wirkte integrierend, kontinuitäts- und sinnstiftend angesichts der rapide fortschreitenden Entwicklung hin zur industriellen Massengesellschaft mit ihren Begleiterscheinungen der Individualisierung, Pluralisierung und geistigen Entwurzelung. Nicht vergessen werden sollte aber, daß die Wurzeln dieses Mythos an der Schwelle zum 19. Jahrhundert liegen, in einer Zeit des politischen und gesellschaftlichen Aufbruchs. Um 1800 war das Bild der preußischen Königin Luise Inbegriff eines positiv bewerteten sozialen und politischen Wandels von traditionellen Sozial- und überkommenen Herrschaftsstrukturen hin zur bürgerlichen Gesellschaft und zur konstitutionellen Monarchie, der Luisen-Mythos somit ein Indikator für das Modernisierungspotential Preußens im frühen 19. Jahrhundert.
 
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Quelle: http://www.fes.de/fulltext/historiker/00671006.htm