Der Mythos - Seite 2
1. Stationen des Mythos
 
Im Leben wie im Nachleben Luises von Preußen lassen sich verschiedene mythenträchtige Elemente, nachfolgend als Stationen bezeichnet, herauskristallisieren, die - in mehrfach modifizierter Form - das Bild der preußischen Königin teilweise bis in die Gegenwart bestimmen.
 
altNachdrückliche Betonung findet in allen Darstellungen, die sich mit Luise beschäftigten und beschäftigen, ihr Aufwachsen in quasi-bürgerlichen Verhältnissen, ihr volksnaher Charakter und ihre sittlich-moralische Integrität. Exemplifiziert werden diese Eigenschaften durch die Darstellung ihrer Besuche bei Goethes Mutter (1790/92), wo die zukünftige Monarchin am Leben des prototypischen bildungsbürgerlichen Haushalts partizipiert, indem sie dieselben Speisen verkostet und dieselben Bücher rezipiert wie die Geheimratsfamilie.
 
Bürgerlich erscheint auch das Motiv, das Luise und den preußischen Kronprinzen zusammenführt: Zeitgenössische Darstellungen sprechen von Liebe auf den ersten Blick, ein Motiv, das sich von traditionellen monarchischen Eheschließungsmotiven jener Zeit (Untermauerung politischer Bündnisse, territoriale Expansion, Sicherung der dynastischen Erbnachfolge) positiv abhebt.
 
altDie positiv konnotierte Bürgerlichkeit kommt ebenfalls beim Einzug in Berlin als Kronprinzessin im Dezember 1793 zum Ausdruck, als Luise entgegen aller höfischen Etikette ein kleines Mädchen hochhebt und küsst. Höfische Etikette, das implizieren die zeitgenössischen Darstellungen, steht für das Alte, das, was sich überholt hat, der Etikettenverstoß hingegen suggeriert Emotionalität, Lebendigkeit, weist in die Zukunft, die dem Bürgertum zu gehören scheint. Am Verhalten der Königin wird gesellschaftlicher Wandel dokumentiert und legitimiert.
 
Die Verbindung der „bürgerlichen" Kronprinzessin Luise mit dem zurückhaltenden, nahezu „biedermeierlichen" Lebensstil des Kronprinzen ließ deren Ehe schon früh als positives Gegenstück zur verkommenen Hof- und Lebenshaltung Friedrich Wilhelms II. erscheinen.
 
Protestantische Sparsamkeit und ein Leben in bürgerlicher Innerlichkeit einerseits, ein allzeit offenes Ohr für die Belange des Volkes andererseits sind die Hauptmerkmale des Tugendenkatalogs, mit dem das Leben der Kronprinzessin, die 1797 mit dem Tod Friedrich Wilhelms II. zur Königin von Preußen wurde, immer wieder gekennzeichnet wird. Mit einer solchen Königin vermochte sich das Bürgertum zu identifizieren, nur eine bürgerliche Monarchin konnte in der Zeit des gesellschaftlichen und politischen Wandels, die mit der Französischen Revolution begann, Aushängeschild der preußischen Monarchie sein.
 
Nach der Niederlage Preußens bei Jena und Auerstedt im Oktober 1806 wird das Bild Luises um ein weiteres Element ergänzt - das des Leidens; Luise wird zur „Leidensgenossin" ihres Volkes stilisiert, deren größter Trost auf der Flucht vor den Franzosen Goethes „Lied vom Harfner" wird („Wer nie sein Brot mit Tränen aß..."). Erneut wird so die Verbindung zum Bildungsbürger Goethe hergestellt.
 
Diejenige Tat aber, die der Nachwelt wohl auch aufgrund bildlicher Darstellungen am eindringlichsten in Erinnerung blieb, die erfolglose Unterredung Luises mit Napoleon am 6. Juli 1807 angesichts der militärischen Niederlage Preußens, war den Zeitgenossen im Gegensatz zu anderen Mitteilungen der flüchtenden Königin verborgen, vielleicht, weil in jener Zeit unmittelbare Verhandlungserfolge mehr zählten als der später aus der Unterredung abgelesene heroische Opferwille Luises.