Der Mythos

 

Patricia Drewes

Königin Luise von Preußen - Geschichte im Spiegel des Mythos

 
Um Königin Luise von Preußen, die Frau des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. (1797-1814), entspann sich schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts, also noch während ihres Lebens, ein Mythos, der sich nach ihrem Tod verfestigte und - tradiert durch Historiographie, Literatur und bildende Kunst - bis in die Gegenwart das Bild Luises bestimmt.
 
Mythen stellen ursprünglich Versuche früher Kulturstufen dar,alt Fragen vom Ursprung der Welt, ihrem Entstehen und Ende durch Bilder, Personifikationen oder Erzählungen von Göttern und Menschen auszudrücken; sie haben dort ihr Recht, wo Denken und Wissen an ihre Grenzen stoßen, und bieten eine Weltsicht, die aufgrund ihrer Affektivität und ihres Appells an vorrationale Strukturen über die Jahrhunderte hinweg bis in die Gegenwart Anziehungskraft besitzt - man denke nur an die mediengestützte Mythisierung der verstorbenen britischen Prinzessin Lady Diana.
 
In dieser Darstellung soll der Weg des Luisen-Mythos von seiner späteren, bis ins 20. Jahrhundert reichenden Verfestigung unter Heranziehung historiographischer, literarischer und künstlerischer Zeugnisse bis in die Zeit seiner Entstehung Anfang des 19. Jahrhunderts zurückverfolgt werden. Dabei gehe ich von zwei Grundannahmen aus:
 
Zum einen: Die Herausbildung von Mythen geschieht niemals ohne jegliche Intention; seitens der Mythenbildner und Mythenträger verfolgt sie stets einen bestimmten Zweck: So können Mythen nicht Nachvollziehbares verständlich machen, mit unliebsamen Zuständen versöhnen und angesichts der unvollkommenen Gegenwart eine Heilperspektive anbieten.
 
Das Beispiel der Königin Luise ist sehr gut geeignet, zu zeigen, daß Mythisierung und Funktionalisierung sehr nahe beieinander liegen - posthum waren es vor allem eine als sakral zu verstehende Mütterlichkeit und die Aufopferung des Lebens für das Gemeinwesen, die die Tradierung und Verfestigung des Luisen-Mythos prägten. In der Entstehungsphase hingegen, um die es hier schwerpunktmäßig gehen soll, war Luises Bürgerlichkeit, die die Zeitgenossen zu betonen nicht müde wurden, der bestimmende Zug des Mythos.
 
Zum anderen: Mythen stellen einen festen Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses einer bestimmten Gruppe dar, d.h. jede Gesellschaft hat einen ihr eigentümlichen Bestand an Texten, Bildern und Riten, den sie pflegt und - modifiziert - weitervermittelt; mit diesen Texten, Bildern und Riten tradieren Gesellschaften ihre Auffassung von Vergangenheit und ihre Wahrnehmung der Gegenwart. Mythen können demnach als Spiegel einer Gesellschaft verstanden werden, denn in der Art und Weise, wie eine Gesellschaft über Vergangenes redet und schreibt, was sie überliefert und wie sie es tut, wird sie für sich und andere sichtbar.
 
In „Hochphasen" der Mythisierung Luises - und dazu gehört die Zeit um 1800 - können Bilder und Texte über die Königin und ihre Rezeption deshalb von der Identität, den zeitgenössischen Diskursen und dem Wertbewußtsein der jeweiligen Gesellschaft Zeugnis ablegen. Die Verwandlung Luises von der Monarchin zur prototypischen Bürgerin kann somit als Indikator für den gesellschaftlichen Wandel Preußens an der Schwelle zur Moderne gelesen werden.